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Mexican Boleros
Loop / 4.07 - CH
Sound Surprisen
Mexican Boleros
Nach einer historischen Finntango-Compilation ("Tule Tanssimaan") und einer Handvoll gefühlstriefenden Südstaaten-Soul-CDs ("Down and Out") plant das Münchner Label Trikont (Vertrieb: RecRec) seinen nächsten Angriff auf unsere sentimentale Seite und legt mit "Mexican Boleros" 20 Schmachtfetzen vor, die halten, was der Untertitel verspricht: "Songs of Heartbreaking, Passion and Pain".
Wie bei den Trikont-Samplern üblich kommt auch "Mexican Boleros" mit einem dicken Booklet, in welchem der Herausgeber Stefan Wimmer in einem informativen Text Geschichte und Bedeutung des mexikanischen Boleros skzziert, der mit dem spanischen Tanz nur wenig, dafür umso mehr mit der kubanischen Habanera gemein hat. So erfahren wir, dass der mexikanische Bolero seine Geburtsstunde am 19. August 1927 im Teatro Lírico erlebte: Im Rahmen der Talentschau "So ist mein Land" setzten zwei Komponisten, der Schönling aus gutem Hause Guty Cárdenas und der Bordellpianist Agustín Lara dem üblichen belanglosen Kitsch zwei für damalige Ohren unerhörte Lieder mit den pessimistischen Titeln "Imposible" (unmöglich) und "Nunca" (nie) entgegen. Die fatalistische Trübsal dieser ganz in Moll gehaltenen Kompositionen traf den Nerv der Zeit - über Nacht wurde "Nunca" zum riesigen Hit. "Ich weiss, dass ich niemals deinen Mund küssen werde/Deinen lodernden, purpurnen Mund/Ich weiss, dass ich niemals deine irrwitzige Leidenschaft spüren werde/Ich weiss, dass ich dich völlig nutzlos anbete/Dass ich dich völlig nutzlos beschwöre/Aber trotzdem liebe ich dich/Trotzdem vergöttere ich dich/Auch wenn ich niemals deinen Mund küssen werde ..."
Tiefe Gefühle, schmerzhaftes Sentiment, flammende Leidenschaften, düstere Romantik, Todessehnsucht - die mexikanischen Boleros sind keine harmlosen Schlager, sondern der existentielle Minnesang unglücklicher Machos, die sich verzweifelt und selbstmitleidig als die Opfer von Huren, Femmes fatales, Verräterinnen, Betrügerinnen, kalten Herrinnen und anderen grausamen Schönheiten inszenieren, wenn sie nicht hoffnunglsos unerreichbare Göttinnen, unberührbare Jungfrauen, Engel und andere heilige Ikonen um ihre Gunst anflehen. Trotz etlicher grossen Bolero-Sängerinnen ist der Bolero in erster Linie Männermusik.
Fünf Jahre und eine Handvoll Lieder später kam die Karriere von Guty Cárdenas zu einem jähen Ende: Er wurde in seiner Stammkneipe erschossen. Agustín Lara hingegen blieb fieberhaft produktiv; er schrieb einen Bolero nach dem anderen und landete fast ebenso viele Hits. Die Popularität seiner Lieder im Nachtleben Mexico Citys verdankte Lara seinen diversen Engagements in Bordellen - so konnte er seine seine gefühlstrunkenen Lieder über gebrochene Machos und fiese Dueñas und Bellezas in der richtigen Umgebung testen. Radiosender wie XEW trugen das Ihre dazu bei, den Bolero trotz vehementer Attacken konservativer und katholischer Kreise im ganzen Land und später ganz Zentralamerika zu verbreiten und eine ganze Bolero-Industrie mit zahlreichen Sängerinnen und Sängern, Stars, Sternchen und Eintagsfliegen zu schaffen.
"Mexican Boleros" ist bis zum Rand gefüllt mit rauhen Emotionen und sentimentalem Pathos aus der Blütezeit des Boleros, 1927-1957, vorgetragen von Grössen und Legenden wie Agustin Lara, Pedro Vargas, Pedro Infante, Toña la Negra, dem Kubaner Bola de Nieve, Lupita Palomera und dem legendären Gitarren- und Harmonie-Gesangstrio Los Tres Ases und allen zu empfehlen, die keine Angst vor grossen Gefühlen haben.
Christian Gasser
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